Rapunzels Wege in den Turm

15. JUL 2016 Aktuelles

Schauspiel- und Gesangskunst am Gymnasium Nieder-Olm

Dass zwischen der Zahl 12 und Märchen eine gewisse Affinität besteht, ist von alters her bekannt. Rapunzel z. B. ist laut den Gebrüdern Grimm mit 12 Jahren von einer Hexe in einen Turm eingeschlossen worden. Dass sich der Kurs Darstellendes Spiel in der Jahrgangsstufe 12 auch Märchen widmet, ist aber nicht unbedingt zu erwarten, schließlich ist man da so um die 18 Jahre alt. Dennoch ist dies am Dienstagabend am GymNO geschehen und hat Zuschauer aller Altersstufen begeistert. Das lag auch an den Wohlklängen der Gesangsklasse 6a, die Lieder in das Geschehen collagierte. 

Ob Hexe oder Prinz oder Otto-Normalverbraucher - klassisch gibt es nur einen Weg zu Rapunzel: eine Kletterpartie via Haarschopf. Wer schon immer wissen wollte, wie nun Rapunzel selbst in den Turm kam, bzw. schon immer über Ungereimtheiten wie zum Beispiel die Frage, warum der Prinz nicht einfach die Tür zum Turm eingetreten hat, stolperte, kam am Dienstagabend voll auf seine Kosten. Man wurde gar mit einer Vielzahl an Wegen zu diesem merkwürdigen Gefängnis bedient, bei denen Mafiosi, Hänsel und Gretel, Investoren ("Wolf der Wall Street"), Zwerge, Schneewittchen, Rapunzel selbst etc., teils verheerenden Anteil an Rapunzels Martyrium haben.

Diese Varianten sind notwendig: Auf einer Seitenbühne drängen die beiden Enkel eines Opas diesen mehrmals Rapunzels Geschichte neu zu erzählen, da sie sich doch immer wieder an diesem oder jenem Detail stören. Widerwillig, aber mit großer Fabulierlust liefert der Opa seinem anspruchsvollen Publikum aberwitzige Storys. Somit bilden diese drei Figuren den Rahmen, der die Varianten zusammenhält und dem Zuschauer immer wieder einen roten Faden bietet.  Die Gesangsklasse beleuchtet das Geschehen hintergründig mit Liedern. Zuweilen greifen die Sänger in das Geschehen ein. So symbolisieren sie beispielsweise Rapunzels inneren Zustand, als sie sich im Wald verirrt, indem sie ein wildbewegtes Durcheinander auf der Bühne erzeugen und dazu „Faded“ von Alan Walker singen.

Das Konzept geht über die fast zwei Stunden, die das Stück dauert, auf. Das liegt unter anderem an der Authentizität, mit der die Schüler das Stück erarbeiten durften. Schon von der ersten Szene an, in der Rapunzel beim Schminken im Gespräch mit ihrer Mutter gezeigt wird, ahnt man, dass Rapunzel charakterlich und thematisch der Lebenswelt der Jugendlichen angepasst ist. Dies gilt für das ganze Defilé der Grimmschen Märchenfiguren, das hier auftritt. Insbesondere gelingt dies in der ménage á neuf zwischen Rapunzel, Schneewittchen und den sieben Zwergen. Man spürt allenthalben, dass diese Schüler ihr eigenes Stück kreiert haben. Der Lehrer des Schauspielkurses, Herr Rudszeck, in Personalunion übrigens auch der Musiklehrer dieser tollen Gesangsklasse, bestätigt seine weitgehende Zurückhaltung.

Die Schüler haben ihre Geschichte überzeugend inszeniert. Vor schwarzem Hintergrund und auf spärlich eingerichteter Bühne führten die Darsteller den Zuschauer durch viele Räume und Landschaften. Die große Stärke des Ensembles war sein Gespür für den Gesamteindruck, der durch die Körperhaltung, Gestik und Mimik aller auf der Bühne Agierenden beim Zuschauer hervorgerufen wird. Ein Maler hätte die Figuren kaum wirkungsvoller positioniert. Die Gruppe versprühte ideenreich Spiellust. Die Gesangsklasse war voll dabei. Wenn die Sechstklässer sangen sowieso, aber auch wenn sie ins Spiel eingebunden waren, sah das versiert aus. Als Schneewittchen und Rap-Unzel battleten, konnten sie bei einer Body-Percussion auch mit ihrem Rhythmusgefühl punkten.

Kritisieren kann man allenfalls, dass noch einige wichtige Fragen offenblieben: Welches Shampoo hat Rapunzel benutzt? Was machte sie mit ihren Haaren, wenn gerade keiner an ihnen hochkletterte? 

Text: Joachim Bayer

Foto: Ernst Breuer


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